Über die Notwendigkeit des Gurus

Neulich hatte ich ein Gespräch mit einem Freund über spirituelle Themen. Uwe ist von Haus aus Schauspieler, war aber zwei Jahrzehnte Frontmann einer Agit- Prop Band und malt seit einigen Jahren. Er hatte schon in den 80er Jahren, als er der Kopf einer Landkommune war, den Gedanken, dass das Engagement der gesellschaftskritischen Gruppen ohne die Erneuerung durch eine spirituelle Ausrichtung und deren soziale Inspiration in die Sackgasse des Materialismus gerät. Allerdings bot sich damals kein gangbarer Weg.

Auf seiner spirituellen Suche stieß er auf die Bücher des kanadischen Ethnologen Ekkehard Tolle und hat von ihm viel über die Rolle des Egos gelernt. Das Ego ist nach Ansicht der meisten spirituellen Lehrer das stärkste Hindernis in der psycho- spirituellen Entwicklung des Menschen. Tolle hat das Ego detailliert erforscht und beschrieben. Konsequent in der Gegenwart zu leben, die Chance wahrzunehmen, jeden Augenblick bewusst und selbst bestimmt zu gestalten und die volle Verantwortung für die eigene Entwicklung anzunehmen, ist ein weiter Schwerpunkt seiner Lehre.

Uwe hatte schon früher einmal bemerkt, dass Tolle meinte, der Mensch auf dem Weg zur Entfaltung, der ihm innewohnenden Spiritualität, brauche keinen Guru, er fände alles in sich selbst und müsse nur lernen, auf seine innere Stimme zu hören. Das klingt annehmbar, und die Welt wäre um einiges besser, wenn mehr Menschen stärker ihren eigenen Wahrnehmungen und ihrer eigenen Intuition folgen würden. Die Auffassung, dass es keinen Guru brauche, gehört zu den allgemeinen Glaubenssätzen einer gebildeten und freiheitsliebenden Schicht in Deutschland. Dies hat auch etwas mit unserer speziellen jüngeren Geschichte zu tun, in der die Rolle einer geistigen Führung negativ besetzt wurde.

Ich sagte Uwe, dass ich bei Tolle große Verdienste sehe. Einmal, wie er den Kernbegriff des Egos hell beleuchtet und zum anderen, wie er uns darauf stößt, dass das was uns zur Verfügung steht, allein die Gestaltung der Gegenwart ist. Dem was Tolle über den inneren Guru sagt, kann ich nur zum Teil zustimmen. Fast jeder von uns hat es an der Übung fehlen lassen, auf seine innere Stimme zu hören, ihre Rolle zu pflegen und damit autonomer zu werden. Das ist ein wichtiges Ziel in der spirituellen Entwicklung, darin kann ich ihm folgen.

Was er aber über den spirituellen Wegbegleiter sagt, damit bin ich nicht einverstanden. Lass es mich an einem Bild erklären, sagte ich. Du hast z.B. keinen Führerschein, aber du bist seit Jahrzehnten Beifahrer in Autos. Du kennst jeden Handgriff und jede Verkehrssituation aus jahrelanger Anschauung, du würdest aber nie auf die Idee kommen, dich ohne Fahrunterricht an ein Steuer zu setzen, um am Verkehr teilzunehmen. Das hat zum Teil auch damit zu tun, dass die negativen Auswirkungen eines mangelnden Könnens auf dramatische Weise für jedermann sichtbar werden. Außerdem gäbe es für einen solchen Übergriff empfindliche Strafen.

Dass weitläufig geglaubt wird, man könne im spirituellen Bereich ohne Anleitung Fortschritte machen und zu Ergebnissen kommen, hat damit zu tun, dass man die Größe und Bedeutung dieses Bereiches weder kennt noch ermessen kann. Was in Asien über Jahrtausende entwickelt wurde und viele spirtuelle Schulen und Methoden mit einem großen Schatz von Erfahrungen hervorgebracht hat, soll ein unerfahrener Mensch aus seinem Inneren heraus hervorzaubern? Das wäre so, als würde sich ein indischer Sadhu daran machen, ohne jede Kenntnis und Anleitung ein modernes Automobil zu bauen.

Dabei geben westliche Lehrer, die die Rolle des Guru kritisieren immer auch Methoden weiter, die aus den Übungen des Ostens abgeleitet sind. Tolle selbst ist außerdem eine Leitfigur, die respektvoll wie ein Guru behandelt und verehrt wird, wenngleich er sich paradoxerweise ganz bescheidenen gibt und offiziell diese Rolle von sich weist.

Wenn man das Gebiet der Spiritualität als einen Bereich auffasst, in der man folgenlos alles behaupten anstellen und konstruieren kann, was einem in den Sinn kommt und dienlich erscheint, dann zeigt man damit nur seine Unkenntnis. Es gibt einen ganzen Markt der Produkte anbietet, die aus dieser falschen Auffassung von Spiritualität herrühren. Dass im Spirituellen dieselben Gesetze gelten wie in der materiellen Welt, z.B., dass man ohne Disziplin und Anstrengung keinen Fortschritt erlangt, ist ein Faktum das esoterische Träumer eines anstrengungslosen geistigen Fortschritts auf den Boden zurückholt.

Die spirituelle Welt ist weit größer und komplexer als die uns bekannte materielle Welt und beide sind aufs innigste miteinander verwoben. Wir alle tragen das Potential zur Erleuchtung, wie sonst sollte sie uns einst zuteil werden. Zwischen ihr und uns stehen die Selbstsucht, die Leidenschaften, Irrtümer, die falschen Glaubenssätze, auferlegte Dogmen, die falsche Art mit unserem Körper und unserem Geist umzugehen etc. Uns über diese Vielzahl von Hürden zu helfen, wenn sie sich in unseren Weg stellen, das ist die Arbeit des Guru. Guru bedeutet, der, der Licht ins Dunkle bringt. Wenn man eine Hürde genommen hat, sieht man, dass es eigentlich einfach war, man hat sie aber ohne Hilfe nicht nehmen könnten. Wenn der Schüler verzagt, in Gefahr ist, ein schier unlösbares Problem hat, dann ist der Guru zur Stelle. Das kosmische Bewusstsein hat von der Geburt an ein Auge auf jedes Wesen. In der Repräsentierung im spirituellen Meister genießt der Schüler, der sich einer spirituellen Disziplin unterzieht, eine besondere Fürsorge. Hier zeigt sich eine Erfahrung derer, die auf dem spirituellen Pfad sind, dass wenn wir einen Schritt auf das kosmische Bewusstseín zugehen, es hundert Schritte auf uns zugeht. Unser erster Schritt ist die Disziplin in unseren spirituellen Übungen.

Wenn man es nicht erlebt hat, kann man es sich vielleicht nicht vorstellen. Der Guru bringt in einer begrenzten Zeit einer begrenzten Anzahl von Schülern seine Lehre nahe. Er hat den Weg von Relativen zum Absoluten bereits begangen und kann ihn zu jeder beliebigen Zeit gehen. Das hat er anderen voraus. Der Zweck seines Lebens ist allein der Dienst an denen, die bereit sind diesen Weg zu gehen. Durch seine Fähigkeit den absoluten Bereich zu betreten, verlässt er mit einem bestimmten Teil seiner Identität, die Bindungen von Raum und Zeit. So kann er sich um das Wohlergehen und den Fortschritt seiner Schüler kümmern ohne am Ort oder in der Zeit zu sein. Das ist das Wunderbare, das jeder Praktizierende erfährt und das eine tiefe inner Ruhe schenkt. P.R. Sarkar, den wir Anandamurti nennen, ist der Guru von Ananda Marga. Er hat immer betont, dass er nur eine Brücke zum Absoluten eine von vielen Verkörperung dessen ist, die wir begehen können, weil wir ebenfalls die Verkörperung des allwaltenden kosmischen Prinzips sind. Seine bürgerliche Identität ist nur eine Form, in der jener Inhalt, den wir alle in uns entfalten wollen erblüht ist. Insofern ist er Vorbild und Helfer, Wegbegleiter und Fürsorger! eigentlich unglaublich und großartig! Gerade weil die Beispiele dafür bei uns im Westen tief in der Geschichte vergraben liegen, und unsere jüngere Geschichte das Prinzip der Führung sehr in Misskredit gebracht hat, mag man dergleichen kaum glauben. Wenn man ein lebendiger Mensch ist und darüber etwas erfahren will gibt es nur einen Weg man probiere und staune!