Der Schöpfungskreislauf

Woher komme ich, wohin gehe ich?

Nach der Ananda-Marga-Philosophie ist das materielle Universum aus einem all-umfassenden Urbewusstsein entstanden, welches in verschiedenen Manifestationen als materiell erfahren wird. Aus physikalischen Substanzen, also aus Materie heraus, entwickelte sich in einer langen Evolution von niedrigen zu höheren Bewusstseinsstufen schließlich der Mensch. Die Materie ist jedoch ihrerseits aus dem universalen Bewusstsein entstanden. Die Entfaltung des eigenen Bewusstseins ist der Weg zurück zu diesem universalen Bewusstsein unserer Herkunft.

In dem so genannten Brahma Cakra ("Kreislauf des Brahma", Schöpfungskreislauf) wird dieser Prozess in all seinen unterschiedlichen Phasen detailliert beschrieben.

Wie alles begann: das unendliche Ur-Bewusstsein

Das universale Bewusstsein - Brahma - ist grenzenlos, sie existiert jenseits von Raum und Zeit. Wie die zwei Seiten eines Blattes Papier sind in Brahma zwei Wirkungsprinzipien untrennbar verbunden: das reine Bewusstsein (Purusa) auf der einen, das gestaltende Prinzip (Prakrti) auf der anderen Seite. Unter dem Einfluss Prakrtis entsteht eine erste Prägung eines Teils des reinen Bewusstseins; dieses manifestiert sich daraufhin als "kosmisches Ich". Das ungeformte Bewusstsein ist nur vorstellbar als grenzenlose Glückseligkeit jenseits aller Beschreibung. Der geformte, kosmische Geist hat hingegen eine erste Prägung erfahren: er ist sich seiner eigenen Existenz bewusst, hat ein Gefühl von "Ich bin" entwickelt.

Wenn man sich das reine Bewusstsein als eine unendliche Gerade vorstellt, ist hier eine erste Schwingung, eine Welle entstanden.

Materie aus Geist

Prakrti, das gestaltende Prinzip, wirkt weiter auf Purusa, das Bewusstsein - die Wellenlänge verkürzt sich, und dadurch entstehen zunächst weitere, leicht vergröberte Formen des Ich-Gefühls: auf "Ich bin" folgt "Ich handle", darauf "Ich habe gehandelt". Bis zu diesem Punkt ist alles Sein noch rein geistiger Natur. Indem dieser Prozess der Umwandlung voranschreitet, entsteht in einem Teilbereich des unermesslichen Kosmischen Geistes oder Bewusstseins die erste Substanz, die wir als materiell bezeichnen können , der so genannte Äther.

Geist aus Materie

Im weiteren Verlauf entwickelt sich diese Materie schrittweise hin, zu immer, festeren Substanzen wie den Elementen Feuer, Wasser Luft und Erde und das ursprüngliche Einheit des Seins wird in Vielfalt umgewandelt. Da die Emtwicklung nun ihre Maximum an materieller, grober Struktur erreicht hat, muss einer völlig neue Entwicklung einsetzen: Materie wird teilweise in ihre Ursprungsubstanz zurück verwandelt, nämlich in mit Geist ausgestatteter Substanz. Herrschen an diesem Punkt geeignete Umweltbedingungen, so kann der Kern einer lebendigen Zelle entstehen, in der Materie von einfachen geistigen Funktionen gesteuert wird. Auf primitivstem Niveau ist dabei individuelles Leben entstanden, welches untrennbar mit Geist verbunden ist.

Zurück zum Ursprung

An diesem Punkt kommen nun mehrere neue Faktoren zum Tragen: zum einen ist es der Einfluss der Umwelt. Der Überlebenskampf in einem tendenziell feindlichen Lebensraum, führt dazu, dass sich aus primitiven Geistesstrukturen höhere entwickeln. Weiterhin spielt die Anziehung durch den Ursprung eine Rolle: der neu entstandene Geist fühlt sich vom Bewusstsein angezogen, möchte zum Ursprung zurückkehren und muss sich dafür weiter entwickeln. So werden aus Einzellern Mehrzeller. Es entstehen Pflanzen, Tiere und schließlich der Mensch. Im Menschen ist das Bewusstsein, die Fähigkeit zur Selbstreflexion, am deutlichsten ausgeprägt. Dies gibt ihm die Möglichkeit zu entscheiden, den Weg der Entwicklung in Richtung des universalen Bewusstseins aus eigener Kraft heraus zu gehen und so seinen evolutionären Fortschritt zu beschleunigen. Andererseits kann er auch geistig vergröbern, sich triebhaft oder antisozial verhalten und sich durch selbstsüchtiges oder selbstzerstörerisches Verhalten von seinem eigentlichen Ziel wieder entfernen.

Heimkehr

In gewisser Weise ist spirituelle Praxis also eine Heimkehr. In uns steckt jener universelle Bewusstseinskern, der uns in den Tiefen unseres Unbewussten an unsere kosmische Herkunft, an unser unendliches, glückseliges kosmisches Selbst erinnert. Je weiter wir in der spirituellen Praxis fortschreiten, je weiter der Radius unseres individuellen Bewusstseins wird, desto stärker wird diese Erinnerung, und umso näher sind wir dem Ziel des großen Schöpfungskreislaufs: der Verschmelzung des individuellen mit dem universalen Bewusstsein.